Nils Wiesner liest "Merseburger Gespen-sterwahrheiten" in der Stadtbibliothek

Am 20. Februar sollte in der Merseburger Stadtbibliothek die erste Lesung in diesem Jahr stattfinden. Schon im Eingangsbereich war das Stimmengewirr von oben zu hören.

Mit dem Merseburger Autor Nils Wiesner und den "Merseburger Gespensterwahrheiten" ist damit ein sehr guter Auftakt gelungen.

Mit seinen einleitenden Worten erläuterte uns Nils Wiesner, dass dieses Buch das Ergebnis des 5. Bürgercampus ist. 28 Geschichten von 14 Autoren mit ihren eigenen Geschichten werden darin erzählt.

Sein Dank ging von dieser Stelle aus an die Bibliothek, die gerade heute dieses neue Buch sozusagen druckfrisch erhalten hat und die Stadt Merseburg. Sie unterstützte finanziell alle Bände von den „Merseburger Gabelgeschichten“ bis hin zu den "Merseburger Gespensterwahrheiten", die bisher im Rahmen des BürgerCampus entstanden sind.

Da kann man schon auf den 6. BürgerCampus gespannt sein, welcher am 23. Juli 2016 auf dem Gelände der ehemaligen Papiermühle stattfinden unter dem Motto „Merseburgs grüne Schätze“.

Ein sehr schönes Geständnis von Nils Wiesner an diesem Tag war auch, dass es für ihn schön ist, Literatur und Kunst zu machen. Es sei noch schöner, als sie nur zu konsumieren.

Aber was erwartete uns an diesem Nachmittag? Übliche Gespenstergeschichten, die einem dem Schauer über den Rücken laufen ließen? Natürlich nicht. Über Quälgeister und Plagegeister schaffte Nils Wiesner den Sprung zu den Geistern der Stadt Merseburg.

In der Einführungsgeschichte „Der Geisterturm“ machten wir uns alle gemeinsam auf eine Exkursion durch die Stadtteile des historischen Merseburgs mit eben dem Neid, der Missgunst und der Verachtung der Menschen dieser Stadtteile untereinander.

Immer wieder hörte man von den Veränderungen der Stadt von damals bis heute. Die Plattenbauten, die historische Plätze verdrängten, machten die Gespenster obdachlos und heimatlos. Aber waren sie noch willkommen?

Der real existierende Sozialismus und die Freiheit im Zusammenspiel mit Partei und Kirche mussten sich mit diesen Paranormalitäten auseinandersetzen. Aber die Lösung ist ganz einfach: Was nicht sein kann, gibt es nicht!

Nette Worte wie Wohnbezugsschein und Mietvertragsfalle beschrieben uns das jämmerliche Bild dieser armen Geschöpfe, die ihr Dasein bis zu Sankt Nimmerleinstag im Wasserturm der Sixtiruine fristen müssen.

Und selbst nach der Wende war diese Sixtiruine kein gutes Maklerobjekt trotz Investoren, da es mit Altlasten im Turm verbunden ist.

Da nun die Zeit bis zur Unendlichkeit vergehen musste, erzählten sich diese Turminsassen sich gegenseitig Geschichten aus ihrem früheren Leben. Irgendwann ging selbst ihnen der Stoff aus. Also schlug die Phantasie der Langeweile ein Schnäppchen und neue Geschichten entstanden.

Unter anderem entstand eine Geschichte über Kneipentouren durch 10 alte Merseburger Kneipen.

Auch in der zweiten Geschichte „Die schönste Geisel der Welt“ wurde die Stadt Merseburg sehr schön beschrieben, Malerisch und schwärmerisch berichtet der Schutzgeist der Geisel über seine Reise durch die halbe Welt. Vom Merseburger Saalealf ging seine abenteuerliche Reise bis hin zur Expo 1925 in Paris. Am Ende landet er wieder bekümmert im schönen Merseburg.

Eigener Hochmut und verschiedene andere Charakterzüge werden eingearbeitet. Immer wieder gab es historische Bezüge. Am Ende war es egal, ob und wie viel Wahrheit hinter diesen Geschichten steckt.

Kurz erwähnt wurde die Merseburger Straßenpoesie. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, hat mit Sicherheit schon die Straßenschilder mit Erklärungen zur Namensgebung gesehen. Aber das hätte hier wohl den Rahmen gesprengt.

Trotz dass die Mehrheit hier in der Bibliothek Frauen waren, ließ es sich Nils Wiesner nicht nehmen, eine Biergeschichte zu erzählen. In „Engelhardt geht in den Untergrund oder warum es eine Rattenplage auf der Kliaplatte gab“ ging es weiter mit Wahrheiten, Halbwahrheiten oder doch gar Lügen!?!

Schlossgespenster, Friedhofsgespenster und einfache Stadtgespenster unterhielten sich über das Bier brauen, mit allem was dazu gehört. Da  waren abgeschnittene Fingernägel wohl noch das Harmloseste. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Und erst nach dem 10. Bier findet man wohl die Einkommenssteuer, die Mehrwertsteuer, die Weniger - Mehrwertsteuer und noch viele andere lustige Steuern als nicht mehr so schlimm.

In der Geschichte über des „Hausmeisters Tagewerk“ führte uns das Hausmeisterdasein eines Geistes in das Merseburger Sixtiviertel. Dort regierte er als „technischer Bürgermeister“, der alles konnte und noch viel mehr wusste, jede Menge Gefälligkeiten einlösen konnte, da eine Hand ja bekanntlich die andere wäscht. Man war ihm eben noch viel schuldig.

Immer wieder wurden historische Bezüge, wirtschaftliche Entwicklungen, die Industrialisierung, aber auch die Zerstörung durch Kriege und Einflüsse von außen auf die Stadt Merseburg angesprochen.

Alte Geschäfte oder Gaststätten und das Merseburger Schwarzbier durften selbstverständlich dabei nicht fehlen. Selbst der Landrat und der Bürgermeister wurden zum Thema gemacht.

Auch wenn Weihnachten gerade hinter uns lag, es gab noch eine Bonusgeschichte an diesem Tag. In der „Weihnachtsgeschichte“ sollte uns verdeutlicht werden, was Weihnachten für uns eigentlich ausmacht.

Der Geist der vergangenen Weihnacht zog mit uns durch das Merseburg im Jahr 1985.

Dann schlenderte der Geist der heutigen Weihnacht mit den Zuhörern über den Weihnachtsmarkt auf dem Schlosshof. Es war genau so beschrieben, wie ich es in der „Kernweihnachtszeit“ vor kurzem erlebt habe.

Wenn man sich von einem Glühweinstand zum nächsten vorarbeitet und sich zwischendurch mal einen Eierpunsch und eine Feuerzangenbowle genehmigt, ist es glaube ich egal, dass das Angebot sehr überschaubar war.

Das war aber immerhin noch besser als im Jahr 1985, da hatten wir „eh nüscht“. Nicht wahr?

Aber das war noch nicht genug. Jetzt ging es noch weiter mit dem Geist der zukünftigen Weihnacht. Er führte uns auf das Spektakel irgendwann in der Zukunft auf die Rischmühleninsel.

Während sich die Orte ändern im Wandel der Zeit; blieben die gesungenen und gespielten Lieder, die mitspielenden Personen gleich, nur eben schon etwas in die Jahre gekommen. Bestimmte Dinge finden sich finden in allen Zeiten wieder. Das kann man, muss man aber nicht verstehen, denn wir leben im hier und jetzt.

Diese kurzweiligen Lügengeschichten, mit denen wir konfrontiert wurden, amüsierten die Zuhörer sehr. Auch der Nachteil von todeslänglich im Vergleich zu lebenslänglich wurde einem noch einmal so richtig vor Augen geführt. Ob der Tag bis zum Jüngsten Gericht aber sehr nah oder doch sehr fern ist, dass haben wir an diesem Nachmittag leider nicht erfahren.

Redaktion: Kathleen Brehme

Text: Kathleen Brehme

Fotos Kathleen Brehme:

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