Wieder spektakuläre Nachtwächterführung durch Merseburger Domstadt

Mit dem Glockenschlag um 19 Uhr begann am 25. März 2017 die diesjährige Nachtwächterführung durch die nächtlichen Straßen der Domstadt.

Es gibt so Einiges zu sehen in Merseburg, darunter das Kino, das Museum oder die Hochschule. Fast alles modernes Zeug. Aber auch noch andere Dinge sind Zeitzeugen dieser geschichtsträchtigen Stadt.

Die Knotensäule der Neumarktkirche, als Spielerei eines damaligen Steinmetz deklariert, die Ladegastorgel und noch mehr Pfeifen in der Stadt Merseburg, aber auch die Rabensage, welche als größter Justizirrtum bezeichnet wird, zählen dazu.

Vorsicht war auch  dieses Mal zur nächtlichen Stunde geboten, denn es sind noch einige moderne  Raubritter mit ihren schnellen Pferden unterwegs gewesen.

Am Rathaus erfuhren wir, dass Nickel Hoffmann, der mit am Bau der Halleschen Marktkirche beteiligt war, die Südpartie des Merseburger Rathaus errichtet hatte.

Dieser Bau ist mit Figurenschmuck geziert und Gardinenfenstern, wie sie auch an Schloss und Ständehaus zu finden sind.

Inzwischen hat sich so Einiges geändert in den Amtsstuben. In jeden der vier Merseburger Stadtteile gab es einen Bürgermeister, der nur ein Jahr im Amt war. Nur der Oberbürgermeister sozusagen war 4 Jahre im Amt, heute sind es 7. Ob das ein Fluch oder ein Segen ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Am Grüner Markt machten wir ebenfalls einen kleinen Zwischenstopp. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen heiligen Ort an der Stadtkirche, der nun als Parkplatz dient.

Vorbei am „Schuldenprunkbau“ der Stadt Merseburg, ging es in Richtung „Tiefer Keller“. Warum man diesen Bau immer mit dem Berliner Flughafen vergleicht, verstehe ich zwar nicht … obwohl, fertig ist es ja noch nicht und gekostet hat er auch schon genug wie zu hören war …

An den „Tiefen Kellern“ angekommen, wurde uns das Bier als Nahrungsmittel im Mittelalter vorgestellt. Das ist kein Ammenmärchen, genauso wenig wie das Ammenbier.

Hier auf dem Venushügel befindet sich auch die Kunstgalerie im „Tiefen Keller“. Inzwischen entwickelt sich auch das Außengelände zu einer kleinen Sehenswürdigkeit. 

Der schönste Nachtwächter des ganzen Universums plauderte wieder einmal aus seiner Kindheit, denn er hat hier ganz in der Nähe am Entenplan gewohnt.

Sein Vater ist sonntags immer in die Kneipe, die sich früher hier befand, zum Frühschoppen gegangen. 11.30 Uhr sollte der Nachtwächter ihn dann immer zum Essen nach Hause abholen. Und jedes Mal die gleiche Prozedur: Der Vater hatte noch Durst und trank ein paar Bier und der Sohn hatte Hunger und bekam eine Bockwurst spendiert.

Das Ende vom Lied, der Junge war satt, das Essen zu Hause kalt und die Mutter stocksauer!!!

Kurz hinter dem „Tiefen Keller“ traf die interessierte Gruppe auf zwei bewaffnete mittelalterliche Trunkenbolde, die sich wohl um ein Weib zankten. Am Ende siegte doch der Durst und die nächste Schenke wurde aufgesucht.

Das nächste Ziel war die Neumarktkirche, die durch Knotensäule am Eingangsportal geziert wird. Angeblich sollen Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man einen Zettel am Wunschknoten anbringt.

Die Steinmetzhand kann man zwar in der Nacht nicht besonders gut sehen, Hauptsache ist aber, dass sie das Dach der Kirche hält. 

Diese Kirche wurde benannt nach Thomas Backet, besser bekannt als Thomas von Canterbury, der durch Männerfreundschaft und deren späteren Verrat zu Tode kam.

Nun ging es zurück über die Saalebrücke zu den Domstufen, wo wir auf den stinkenden Saalealf trafen, der wieder auf der Suche nach Futter war. Ob am Ende alle Ihre Ohren noch hatten, weiß ich gar nicht so genau ...

Die 55 Domstufen hinauf, vorbei an den Domkurien, kamen wir vor dem Domportal an, wo König Heinrich I. und seine schwangere Hatheborg einen heftigen Ehestreit ausfochten. Auch hier hat sich über Jahrhunderte wohl nichts geändert.

Am Tor zum Schloss wurden noch einmal die Eintrittskarten kontrolliert, denn für das nächste Spektakel musste ein spezieller Zoll gezahlt werden. Man nutzte gleichzeitig die Möglichkeit, einmal durchzuzählen, wie viele Seelen sich in den Tross eingereiht hatten.

Im Schlosshof angekommen, wohnten wir der Köpfung des Dieners Hans bei, der beschuldigt worden war, den Siegelring des Bischofs von Trotha gestohlen zu haben soll. 

Dabei handelte es sich um einen Justizirrtum, der in die Merseburger Geschichte einging. Aber irren ist menschlich. Ob sich das unser Landrat Frank Bannert auch so sieht?

Vom Schlosshof ging es dann weiter in Richtung Schlossgarten. In der Dunkelheit konnte man Fackelschein ausmachen. Dort angekommen, trafen wir auf die Idisen,  bei deren Reigen die Merseburger Zaubersprüche zu hören waren.

Einst saßen Idisen hier, saßen hier auf Erden.
Ein paar kämpften hier, ein paar stritten da,
andere befreiten Verbündete:
entspring den Fesseln, entfahr den Feinden!

Phol und Wodan waren zum Holzen.
Da ward des Balders Fohlen Fuß verrenkt.
Das besprach Sinthgunt, Sunna ihre Schwester,
es besprach Freia, Wolla ihre Schwester,
dann besprach's Wodan, wie er's nur kann:
Sei's Bein, sei's Blut,
sei's Glied verrenkt:
Bein zu Beinen, Blut zum Blute,
Glied zu Gliedern, als sei'n sie geleimt!

Diese  Merseburger Zaubersprüche stammen  aus dem 7. Jahrhundert und Jakob Grimm erkannte in diesem heidnischen Schriftstück die Einmaligkeit.

Im Schlossgarten befindet sich auch ein Denkmal, welches an die Völkerschlacht bei Leipzig erinnert. Einer der Nachtwächter erzählte vom damaligen  Gemetzel  mit all den Verletzten und Toten. Jeder Dritte soll diese Schlacht nicht überlebt haben.

Amputationen wurden im Akkord durchgeführt. Ein Arzt soll eine Minute für einen Arm und zwei  Minuten für ein Bein gebraucht haben. Grausame Vorstellung! Und dennoch sind diese Runden am Abend  die schönen Momente des Nachtwächters, denn  er sorgt für Ruhe, Ordnung und Sicherheit.

Langsam gingen wir nun durch die Dunkelheit im Schlossgarten zum Ausgang am Schlossgartensalon. 

Dort war schon mächtiges Gezeter. Frauen wehklagten, ihre Männer durch die Pest verloren zu haben. Der Pestzug begleitete uns bis zu den Mauern des Petriklosters. Das Wehklagen und Geratter des Wagens hallte durch diese laue Nacht. 

Am Petrikloster angekommen, bedankten sich die beiden Nachtwächter recht herzlich bei den interessierten Teilnehmen dieser Nachtwächterführung. Auch der Heranwachsende Jakob, der einmal in die Fußstapfen der Nachtwächter treten soll wurde vorgestellt. Da man sozusagen keine Nachwuchsprobleme hat, können die beiden Nachtwächter irgendwann einmal mit Freude in Rente gehen. 

Nun bat man um Einlass im Petrikloster. Alle wurden wieder recht herzlich empfangen. In den letzten Jahren ist so einiges passiert in diesem altehrwürdigen Gemäuer. Zum Beispiel decken jetzt schon die ersten roten Ziegel den Dachstuhl des Wirtschaftsgebäudes.

Inzwischen ist der Förderkreis Klosterbauhütte Merseburg e.V., der 2012 gegründet wurde, über die Grenzen von Merseburg hinaus bekannt. Der Verein hat inzwischen 90 Mitglieder und viele Förderer. 

Bei sehr guter Stimmung und in lustiger Runde konnte man den Abend ausklingen lassen. Und für das leibliche Wohl war auch wieder hervorragend gesorgt.

Am Ende waren fast 170 Teilnehmer den beiden Nachtwächtern vom Rathaus bis zum Petrikloster gefolgt. Das ist absoluter Rekord. Inzwischen hat diese Nachtwächterführung aber auch Kultstatus erlangt in der ehrwürdigen alten Merseburger Domstadt. 

Und die anstehenden Termine für das Jahr 2017 im Merseburger Petrikloster finden Sie hier.

Redaktion: Kathleen Brehme

Quelle: www.magicvillage.de

Text: Kathleen Brehme

Fotos: Heinz Biemann, Kathleen Brehme

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