Erlebnisführung: Mit dem Nachtwächter in Merseburg unterwegs

Am 7. November wurden wir auf eine Reise durch das nächtliche Merseburg entführt. Die historienträchtige Stadt wurde durch den Förderkreis Klosterbauhütte Merseburg e.V.   zum Leben erweckt.

Pünktlich zum Glockenschlag um 19 Uhr begrüßten uns der Nachtwächter und sein Assistent Mühlbach, dem schönsten Nachtwächter Merseburgs, am Brunnen des Saalealfs, unweit des alten Merseburger Rathauses.

Die Ersterwähnung von „Merseburc civitas“ wird auf 850 datiert. Der Name der Dom- und Hochschulstadt ist bisher nicht eindeutig geklärt.

Vielleicht ist er doch vom dänischen Begriff Marsch, bedeutet Mastkorb, abgeleitet? Eins steht jedenfalls fest, es handelt sich um einen erhobenen und sicheren Ort, der von Wasser umgeben war.

Aber warum kommen die Menschen nun eigentlich nach Merseburg? Und zwar wegen:

  • den Merseburger Zaubersprüche
  • der Knotensäule am spätromanischen Hauptportal der Neumarktkirche
  • der Grabplatte Rudolfs von Habsburgim Dom aus dem 13. Jahrhundert
  • dem größten Justizirrtum Merseburgs (Wer kennt sie nicht die Rabesage?)
  • der Ladegastorgel mit 5700 Pfeifen im Merseburger Dom

Davon hat die Stadt Merseburg jedoch noch wesentlich mehr zu bieten, war hier zu hören.

Am gegenüberliegenden Grünen Markt, einem ehemaligen Friedhof, steht die Stadtkirche. Für den 70m hohen neugotischen Turm sei der Schneidermeister Pechstein verantwortlich gewesen, der durchein Bügeleisen einen Kirchturmbrand verursacht haben soll.

Der linke Anbau neben dem Alten Rathaus scheint, so sagt man in der Stadt, eine Investruine zu werden. Das „Merkropolis“ von Merseburg?

Unsere Zeitreise führte uns weiter zu den „Tiefen Kellern“ der Stadt. Das unterirdische Gewölbesystem geht bis in das 13. Jahrhundert zurück und weist eine gleich bleibende Temperatur von 8-10 Grad auf.

Die Keller dienten als Bier- und Weinlager. Das berühmte braune Merseburger Bier wurde früher sogar bis Leipzig exportiert.

In „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ von Goethe findet dieses Bier ebenfalls Erwähnung. "Vom Alkohol hielt sich der Studiosus zunächst fern - das Merseburger Bier war ihm einfach zu bitter."

Ca. 20 dieser Kellerräume sind wieder ausgebaut und begehbar. Holger Leidel lädt Sie mit Sicherheit zu einem geführten Rundgang durch diese Kellergewölbe ein.

Eine Kostprobe für den Assistent Mühlbach war ein Muss. Man zauberte einfach eine Flasche Bier aus der Tasche. Zwischen zeitlich wurde er auch schon zum schönsten Nachtwächter von Sachsen-Anhalt befördert.

An der romanischen Neumarktkirche konnte man einen kleinen Rundgang über den alten Friedhof machen – ganz schön unheimlich!

Der schönste Nachtwächter Deutschlands gab uns auch hier noch einmal den Hinweis, einen kleinen Zettel mit unseren Wünschen an die berühmte Knotensäule zu stecken. Vielleicht erfüllen sie sich ja?

Aber auch die Steinmetzhand, die das Dach stützt, damit es nicht herunterfällt, ist einmalig in Deutschland.

Im Innenbereich der Kirche, die Thomas Backet gedenkt, hörten wir Wissenswertes zu diesem Thema.

Mehr Informationen und Bildmaterial bei Tageslicht zur Kirche selbst finden Sie hier.

An der Neumarktbrücke trafen wir dann auch noch auf den sagenumwobenen Saalealf, der hier seit Jahrhunderten sein Unwesen treibt.

Mit seinen gelben Zähnen, Mundgeruch und zerzaustem Haar tauchte er plötzlich aus dem Dunkel der Nacht auf.

Gemeinsam mit dem nun schon schönsten Nachtwächter Europas gingen wir die Domstufen hinauf.

Vor dem Dom sahen wir eine Szene, bei der Heinrich und Hatheburg sich lautstark auseinander setzten. So wurde dem Jahr des Feierns „1000 Jahre Kaiserdom“ noch einmal Tribut gezollt.

Auch der Abdruck der Gabel am Domplatz sorgte wieder für Gesprächsstoff. Ohnehin gibt es zwei verschiedene Geschichten dazu. Fazit ist jedoch, dass am Ende eine Kutsche darüber gefahren ist.

Weiter ging es zum Innenhof des Schlosses. Dort angekommen, erwartete uns die Henkerszene vom Diener Johann, der hingerichtet werden sollte, weil er Thilo von Trothas Ring gestohlen haben soll.

Der Henker wetzte schon das Beil. Es machte ein Geräusch, welches einem die Kopfhaut zusammenzog.

Der Basaltstein, der sich am Eingang zum Museum befindet, soll der orginal Henkerstein sein.

Im Schlossgarten erschienen Jungfrauen, die zu den von einem Barden gesungenen Merseburger Zaubersprüchen tanzten.

1841 entdeckte Historiker Georg Waitz in einer theologischen Handschrift des 9./10. Jahrhunderts in der Dombibliothek die Merseburger Zaubersprüche und legte sie Jacob Grimm, dem führenden Germanisten, vor.

Die zwei Zauberformeln sind in althochdeutscher Sprache verfasst. Dabei handelt es sich um das erste Deutsche Literaturdokument.

Ein Zeitzeuge berichtete vor dem „Völkerschlachtdenkmal“ von diesem Krieg 1813 mit all seinen Grässlichkeiten und Verlusten.

Damals wurden 520.000 Soldaten bei Liebertwolkwitz zusammengezogen, als Napoleon den Truppen Österreichs, Preußens, Russlands und Schwedens unterlag.

Aber der Nachtwächter liebt seinen Beruf, denn er sorgt für Frieden und Ordnung. Nur so kann Ruhe gehalten werden!

Auf dem Weg zum Merseburger Petrikloster kam uns noch ein Menschenzug entgegen. Die Pest war wieder ausgebrochen. Unter Wehklagen wurde ein Leiterwagen mit vermeintlich Toten durch die Straßen der Stadt gezogen.

Unsere nächtliche Führung endete im Petrikloster. Der Barde hat zum Abschluss ein Lied über das Kloster und seiner Geschichte gesungen. Unter anderem war zu hören, dass die Stadt endlich einen Verein gefunden hat, der das Dilemma um das geschichtsträchtige Haus richtet.

Da die Stadt Merseburg keine finanziellen Mittel für diese Führung hat, stellte der Förderkreis Klosterbauhütte Merseburg e.V. diese Nachtwächterführung auf die Beine gestellt.

Und die Vielzahl der Teilnehmer zeigt, dass diese Entscheidung genau richtig war. Dem kann ich mich selbst nur anschließen. Es war ein tolles Erlebnis.

Redaktion: Kathleen Brehme

Text: Kathleen Brehme

Fotos: Heinz Biemann, Kathleen Brehme

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