GEISTERHAFT - Die Nachtwächterführung in der  Merseburger Domstadt

19 Uhr – pünktlich zum Glockenschlag begrüßten uns der Nachtwächter und sein Gehilfe am Brunnen des Saalealfs, der sich in der Nähe des alten Merseburger Rathauses befindet.

Am 21. März 2015 lud man wieder alle Merseburger und die Gäste der Stadt  zu einem nächtlichen Rundgang durch die Domstadt ein. Diebe, Mönche, Geister und vieles mehr sollten uns auf dem Weg zum Petrikloster begleiten oder erscheinen.

Ich nehme es schon einmal vorweg, die Interessengemeinschaft Mittelalter Merseburg und der Förderkreis Klosterbauhütte Merseburg e.V.l ießen die 1000-jährige Geschichte vor unseren Augen lebendig werden.

Doch bevor es mit unserer Reise durch die historische Stadt Merseburg losging, versagte unserem Nachtwächter erst einmal ordentlich die Stimme. Eine Teilnehmerin dieser Führung hatte sofort die richtige Medizin dafür dabei – einen kleinen Kräuterlikör, um die Stimme kräftig zu ölen.

Der Nachtwächter war erstaunt, dass doch so viele Merseburger erschienen waren, denn die Bewohner der Stadt wagen sich kaum am hellerlichten Tag auf die Straße. Nicht einmal 1/3 der Merseburger traut sich raus – eine Wahlbeteiligung von 25 % bei der Wahl des Oberbürgermeisters spricht da eine deutliche Sprache. Da muss ich mich als Braunsbedraer fast schämen, bei uns waren es nicht einmal 15 Prozent! Aber genug davon.

Wir erfuhren, dass die Stadt Merseburg  5 wichtige Gründe hätte, um besucht zu werden.

  • Im Merseburger Dom befindet sich das einzige Hochrelief jenseits der Alpen – das Grabmal von Rudolph dem Starken. Die Grabplatte Rudolfs von Habsburg besteht aus Sandstein und wurde im 13. Jahrhundert geschaffen.
  • Dazu zählen auch die Merseburger Zaubersprüche, die Bezug nehmen auf Figuren und Themen der vorchristlichen germanischen Mythologie. Mündliche haidnische Überlieferungen wurden im 9./10. Jahrhundert schriftlich festgehalten.
  • Eine einzigartige Steinmetzarbeit im mitteldeutschen Raum - die Knotensäule am spätromanischen Hauptportal der Neumarktkirche - findet man hier.
  • Der riesige Justizirrtum im 15. Jahrhundert kostete den treuen Diener des Merseburger Regenten Bischof Thilo von Trotha das Leben. Aber wer kennt sie nicht, die berühmte Rabensage?
  • Im Merseburger Dom befindet sich eine der berühmten Ladegastorgel, die immer ein besonderes Klangerlebnis darstellt.

Aber Merseburg hätte noch mehr Pfeifen, ist hier hinter vorgehaltener Hand zu hören.

Aber machen wir ganz schnell weiter mit dem Alten Rathaus, welches geziert wird durch seinen gotischen Wappenschmuck und "Gardinenfenster".

Auf dieser Zeitreise hörten wir auch etwas über die mögliche Entstehung des Namens dieser Stadt und deren historischen Ortsteile.


Am Tiefen Keller erhielten wir einen kleinen Einblick in die Geschichte des Bierbrauens in Merseburg und das braune Bier als Grundnahrungsmittel im Mittelalter. Galerist Holger Leidel, hier öffnet er gerade die Tür zum Tiefen Keller, bemüht sich seit mehr als 5 Jahren, die alte Tradition des Bierbrauens wiederzubeleben.

An der Neumarktbrücke trafen wir dann auch noch auf den sagenumwobenen Saalealf, der hier seit Jahrhunderten sein Unwesen treiben soll.

An der Neumarktkirche machten wir eine kleine Runde über den alten Friedhof – ganz schön unheimlich! Kurz zuvor hatten wir noch gehört, dass die Gräber früher aus Kapazitätsgründen mehrfach belegt wurden, bis sich die jungen Frauen weigerten, denn sie wollten nicht auf den „alten Säcken“ liegen. So entstand damals dieser neue Friedhof St. Thomae, was auch der Name dieser gotischen Stadtkirche ist.

Im Innebereich der Neumarktkirche erfuhren wir etwas über begangenen Frevel, denn der Bischof Thomas Backet wurde in der Kirche in Canterbury erschlagen. Mehr Informationen und Bildmaterial bei Tageslicht zur Kirche selbst finden Sie hier.


Im Anschluss unserer Führung ging es zurück über die Neumarktbrücke, die Treppen am Saaleufer hinauf in Richtung Dom. Ein kleiner Exkurs über Heinrich dem I. - seiner Hochzeit, seinem Aufstieg und seinen Schlachten - endete mit dem Verweis auf die diesjährigen Feierlichkeiten zur 1000-jährigen Grundsteinlegung des Kaiserdoms.

Der Abdruck der Gabel am Domplatz, in der Dunkelheit schon eine Herausforderung, hat ebenfalls mehrere Entstehungsgeschichten. Egal ob das Essen nicht geschmeckt hat oder Thilo von Trotha dem Teufel die Gabel hinterher geworfen hat - über die aus dem Fenster geschleuderte Gabel ist eine Kutsche gefahren und hat den Abdruck hinterlassen!

Im Innenhof des Schlosses mussten wir der Köpfung des zu unrecht verurteilten Dieners des Bischofs Thilo von Trotha beiwohnen. Es gab sogar Beifall nach der Enthauptung. Eine verrückte Welt ist das!

Im Schlossgarten an einer besonders dunklen Stelle erschienen dann weibliche Wesen, die zu den gesungenen Merseburger Zaubersprüchen tanzten. Eine echt gespenstige Vorstellung.

Auf dem Weg in Richtung Ständehaus konnte man noch schnell einen Blick auf den Schlossgartensalon erhaschen. Vor dem „Völkerschlachtdenkmal“ berichtete ein Zeitzeuge von diesem Krieg 1813 mit all seinen Grässlichkeiten und Verlusten. Damals unterlag Napoleon den Truppen Österreichs, Preußens, Russlands und Schwedens.

Aber das Fazit hier vor Ort war: Nur mit Frieden ist eine Nachtruhe möglich!

Dass diese Führung nicht ganz ungefährlich war, mussten wir am eigenen Leib erfahren. Allerlei Gesindel trieb sich hier im Schlossgarten herum. Unser Nachtwächter wurde sogar bestohlen. Nur mit großer Mühe konnte die Diebin gefasst und ins Petrikloster überführt werden. Dabei wehklagte sie jämmerlich und ununterbrochen.

Am Merseburger Petrikloster endete unsere nächtliche Führung. Kein Zauberspruch, sondern die richtige Parole öffnete uns die Pforten des Klosters. Minnegesang begleitete uns, während uns ein Blick in die "Klosterbauhütte" gewährt wurde.

Hier vor Ort konnte man sich noch etwas stärken und mit warmen Getränken aufwärmen. Über die anstehenden Aufgaben im Jahr 2015 konnte man sich ebenfalls informieren.

Ich muss zugeben, eigentlich wusste ich nicht so recht, was mich bei dieser Führung erwarten würde. Aber auf keinen Fall so ein Spektakel. Ich bedanke mich bei der Interessengemeinschaft Mittelalter Merseburg und beim Förderkreis Klosterbauhütte Merseburg e.V., die mit viel Engagement, Liebe zum Leben und Treiben im Mittelalter diesen informativen, interessanten und anschaulichen Abend ermöglicht haben. Und sie hatten viel Spaß bei dem, was sie taten. Das gilt auch für den Merseburger Nachtwächter und dessen Gehilfen. Mit einem weinenden und lachenden Auge erhielten wir Einblick in die Geschichte Merseburgs, aber auch aktuelle Bezüge wurden eingebaut.

Eine Führung, die sich für mich persönlich wieder einmal gelohnt hat. Und da nachts alle Katzen grau sind, habe ich versucht zu zeigen, wie man Merseburg bei Nacht sieht. Daher keine Bilder mit Blitzlicht usw. Sie spüren auch nicht das rutschige Kopfsteinpflaster der Merseburger Altstadt oder die Unebenheiten im Schlossgarten. Von der nassen Kälte will ich gar nicht erst reden. Aber trotz alledem, alle Teilnehmer dieser Führung waren begeistert.

Redaktion: Kathleen Brehme

Text: Kathleen Brehme

Fotos: Kathleen Brehme

Anzeige

Anzeigen

Die Redakteure der meisten Medien sind nur kurz auf einer Veranstaltung, holen sich ein paar Infos, machen schnell Fotos und ab zur nächsten Veranstaltung. Wir vom Geiseltaler Veranstal-tungsmagazin werden in der Regel die gesamte Veranstaltung Vorort sein und  ausführlich mit Stimmungseinblicken der Gäste, in Wort und Bild, über die jeweilige Veranstaltung berichten. Dieses wird wesentlich näher und informeller als bisher umgesetzt!