Margret Richter zu Gast in der Braunsbe-draer Stadtbibliothek

Am 24. November las die 1970 in Halle geborene Schriftstellerin aus ihrem Roman „Denk mal an Maria“ - eine schneereiche Liebesgeschichte.

Mit etwas Verspätung starteten wir in diese Buchlesung, da Margret Richter mit dem Zug aus Halle an. Da hätten wir ja gleich zusammen kommen können.

Nach einem kurzen Lautstärkecheck, um auch alle in den Hochgenuss dieser tollen Lesung kommen zu lassen, ging es sofort los.

Aufgewachsen ist die dreifache Mutter jedoch in Thüringen, was sie jedoch nicht daran hinderte, nach dem Abitur und der Ausbildung zum Buchbinder in ihre alte Heimat zurück zukehren.

Dort begann sie 1990 ihr Studium mit der Ausrichtung Germanistik/ Kunsterziehung.

Noch vor Studienende wurde sie Mutter dreier Kinder, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Aber irgendetwas fehlte in ihrem Leben. Sie wollte doch mit ihrem kreativen Geist noch etwas anfangen.

Und dass sie kreativ ist, zeigte uns Margret Richter mit ihrem mitgebrachten Körbchen voller Überraschungen. Selbst gestrickte Socken und Dinge, die man benötigt, zu diese herzustellen, befanden sich in diesem Körbchen - typisch riechende Schafwolle, eine Spindel und noch mehr.

Ich persönlich fand das eine sehr tolle Idee. Nicht nur zu Weihnachten gehören selbst gemachte Dinge dazu. Basteln, stricken, aber auch kochen und backen und vieles andere mehr, was man ganz einfach mit seinen eigenen Händen schaffen kann, um sind dem deprimierenden Konsumismus zu entziehen.

Weihnachten und alles andere wird immer kommerzieller. Muss man da mitmachen? Natürlich nicht. Wo bleibt das Fest der Familie, wenn man nur gestresst auf diese schönste Zeit des Jahres zurast? Was wird aus der Besinnlichkeit?

Einen Gang zurück schalten, sich Zeit zum Genießen nehmen, ermöglichen einem den Weg zum Ursprünglichen.

Seit 2001 ist sie nun schon als Schriftstellerin tätig. Dem Mittelalterroman „Die Legende vom Grottenstein“, dem Kinderbuch „Des Hähnchens wollene Hosen“, dem Steinzeitroman „Das glänzende Schwein“, ihrem Schmankerl „Von Wegen … und Straßen träumte mir einst“ folgte nun „Denk mal an Maria“, eine Weihnachtsgeschichte für Erwachsene.

Aber worum geht es in dieser Geschichte?

Wie jedes Jahr zum Ende hin, steht Weihnachten vor der Tür. Für Bernhard Wyschalla aus Leipzig, Mittvierziger, geschieden, ist nach seinem bisherigen Leben der Reiz dieser Zeit seit Jahren abhanden gekommen. Weihnachten – das Fest der Familie. Aber was, wenn man es nun Jahr um Jahr alleine verbringt? Keine tollen Aussichten, aber dieses Jahr soll alles besser werden.

Nicht nur, dass dieser typische Großstadtmensch das erste Mal zwei Wochen Urlaub über Weihnachten macht, nein – ein Skiurlaub soll es auch noch werden mit seiner neuen Bekannten Gisela aus München.

Doch bevor der geplante Urlaub in den Alpen beginnt wie geplant, trottet der von der midlife crises erfasste Bernhard Wyschalla durch die weihnachtlichen Straßen von Leipzig. De Bankangestellte hinterfragt dabei sich und sein Dasein. Er hält sich für uralt, weil er die jungen Menschen nicht mehr versteht, nicht ihr Aussehen mit Tattoos und Piercings und dann noch diese Musik ...

Aber hängt es nicht davon ab, wie alt man sich fühlt, ob und wie man mit sich selbst im Reinen ist?

Aber zurück zur Geschichte von Bernhard Wyschalla. Auf seiner Urlaubsfahrt in die Alpen schlägt es unerbittlich zu, nicht nur das Wetter, sondern auch das Schicksal.

Da er den Wetterbericht nicht ernst nimmt und unvorbereitet mit dem Auto losfährt, erwischt ihn ein Schneesturm völlig aus der Kalten.

Bei der Schilderung des Schneesturms kann Margret Richter ihre eigene Geschichte erzählen, da ihr das selbst auch schon passiert ist. Diese Orientierungslosigkeit und die daraus resultierenden Ängste und Nöte zeigen einem sehr deutlich, wie schnell man der Natur ausgeliefert sein kann.

Schon beim Bummel von Bernhard Wyschalla durch die Innenstadt erfasst den Zuhörer Weihnachtsstimmung. Man kann das Beschriebene  riechen, hören, sehen. Neben den winterlichen Düften wie Zimt wird man schon langsam eingestimmt auf die alten Werte. Die selbst gestrickte Jacke der Bäckerin ist erst der Anfang, bevor man in eine „andere Welt“ katapultiert wird.

Die lange Autofahrt, eine gefühlte Ewigkeit, machen den missgelaunten Bankangestellten müde, emotional ohnehin gebeutelt, der Verzweiflung nahe, kommt, was kommen musste während des Schneesturms. Sekundenschlaf! Abrupt stoppt sein Auto.

Das amüsante Vorlesen rufen alte Erinnerungen an früher wach. Eigenes Erleben fließt mit ein. Das Abrufen von Sehen, Hören, Fühlen und Tasten ging sehr schnell.

Bei den Beschreibungen bekam das Wort „eingeschneit“ für einen Flachlandtiroler sowieso eine völlig neue Bedeutung.

Bernhard Wyschalla ist bei seiner Reise auf einem Bergbauernhof gelandet in einem kleinen Ort mit 30 Einwohnern, noch nicht wissend, dass er noch eine Weile hier gefangen sein wird und sich seine alte Welt hinter dem Schneesturm versteckt.

Es geraten hier Dinge ins Rollen, die sich nicht aufhalten lassen. Von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Strom, Telefon, Heizung und fließend Wasser und mit Außen - WC, dem Plumpsklo mit der Herzchentür, lernt Bernhard Wyschalla eine allein erziehende Frau mit ihren Kindern kennen. Einen Bezug zu Kindern hat er ohnehin schon lange nicht mehr.

Hier gelten andere Regeln. Die Schule entfällt, stolze altkluge Erstklässlerin und ihre Geschwister sind genau so eine Herausforderung wie der kratzige Wollpullover, der stark nach Schaf riecht, und dieser meterhohe Schnee.

Eigenwirtschaft und Selbstversorgung sind angesagt. Kühe liefern Milch, Butter und Käse. Selbst angebautes Obst und Gemüse, selbst gestrickte Socken und viele andere kleine Dinge zeigen auf, dass man sich wieder auf sich besinnen kann.

Frühstück mit selbst gebackene Brötchen, Trockenobst, Hühnern in der Küche - die eine oder andere Kindheitserinnerung wurde lebendig.

Die „nur“ Hausfrau und Mutter, die allein einen Hof bewirtschaftet, verzichtet auf die Bezahlung für die Unterkunft und nimmt lieber seine Arbeitskraft in Anspruch, denn harte Männerarbeit gibt es auf so einem Hof und bei solchen Wetter jede Menge.

Wie sagte Margret Richter so schön, aus dem geplanten Skiurlaub des typischen Stadtmenschen wurde am Ende ein Aktivurlaub Muskelkater inklusive.

Was altmodisch wirkt ist, ist lebensnotwendig für diese Familie. Nichts wird dem Selbstlauf überlassen. Alles ist gut organisiert, auch wenn man nicht mit solchen Worten wie Zeitmanagement und Logistik um sich wirft.

Es geht auch ohne Fernseher. Man sitzt zusammen, redet miteinander, stopft Socken oder geht anderer Handarbeit nach.

Weihnachten ist dort einfach anders, nicht voller Stress und Hektik. Und Entschleunigen tut uns allen gut. Nicht umsonst heißt es Zeit der Besinnlichkeit.

Bernhard Wyschalla , der sich in seiner eigenen Welt ganz allein fühlt, ist alles ganz anders. Ohne Freunde und Familie muss er sich eben keine Gedanken über Geschenke machen. Ein gewisser Neid auf die Anderen war da schon da. Hier ist das alles vergessen.

Diese entschleunigte Welt zeigt die Freude, Liebe und Einfachheit die einem selbst irgendwann abhanden gekommen ist. Es kommt, wie es kommen musste: Bernhard Wyschalla verliebt sich in die dreifache Mutter. Man fühlt sich eben überall gut, wenn man liebt und geliebt wird. Da macht einem so ein Bauernhof auch nichts mehr aus. Aber lesen Sie das Buch doch einfach selbst.

Am Ende der Buchlesung gab es noch eine kleine Gesprächsrunde, bei der man noch einige persönliche Informationen von der Schriftstellerin Margret Richter erfahren konnte.

Redaktion: Kathleen Brehme

Text: Kathleen Brehme

Fotos: Kathleen Brehme

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